Macht Schokolade "high"?



"Schokolade mit Haschisch-Wirkung", diese dpa-Pressemeldung überraschte und verunsicherte die Öffentlichkeit. Hintergrund war eine in der Zeitschrift nature veröffentlichte Untersuchung, in der von der Isolierung gewisser Stoffen aus Schokolade bzw. Kakaopulver berichtet wurde, die in Verdacht stehen, ähnlich wie Haschisch, die Psyche zu beeinflussen. Sollte die sog. "Schokoladensucht" etwa eine verkappte Drogensucht sein?

Die angesprochene pharmakologisch aktive Gruppe von Substanzen ist erst seit wenigen Jahren bekannt, erstmals wurde sie in Schweinehirn entdeckt. Es handelt sich um Anandamid (Arachidonylethanolamid) und Analoga. Anandamid ist ein Ethanolaminderivat der Arachidonsäure, eine mehrfach ungesättigte Fettsäure, die besonders häufig im zentralen Nervensystem vorkommt. Die neu entdeckten Stoffe können vom Körper selbst gebildet werden, sind also endogene Substanzen.

In vivo- und in vitro-Versuche zeigten, daß Anandamid die Fähigkeit besitzt, sich an die Rezeptoren zu binden, mit denen auch der rauscherzeugende Marihuana-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) der Cannabis-Pflanze und weitere Cannabinoide (cannabisartige Wirkstoffe) interagieren. Andere psychoaktive Drogen scheinen diesen Rezeptor nicht zu besetzen. Besonders häufig sind die Rezeptoren in Regionen des Gehirns, die mit der Wahrnehmung und Gedankenverarbeitung bzw. den Bewegungsabläufen beschäftigt sind. Dort kann Anandamid dosisabhängig die cannabisartigen Wirkstoffe verdrängen.

Die psychoaktive Auswirkungen ähneln denen, die aus Pflanzen (Cannabis sativa) gewonnene Cannabis-Drogen (Marihuana, Haschisch) hervorrufen. Mäusen, denen die Substanz auf verschiedenen Wegen infundiert wurde, zeigten in Tests folgende Verhaltensveränderungen:

  • Nachlassen der motorisch-vegetativen und verhaltensbiologischen Äußerungen auf das Zufügen von Schmerz (antinociceptiver Effekt) um bis zu 80%
  • Nachlassen der körperlichen Aktivität (Hypoaktivität) um ca. 85%
  • Senkung der Körpertemperatur (Hypothermie) um ca. 2-4 ∞C
  • Immobilität bzw. Katalepsie (Starre)

Interessanterweise unterscheidet sich, trotz der sehr ähnlichen pharmakologischen Profile, die chemische Struktur von Anandamid stark von der des Marihuana-THC. Unterschiede gibt es in der Pharmakokinetik beider Stoffe: Anandamid wird viel schneller abgebaut (nach ca. 30 min ist kein Effekt mehr zu messen, wohingegen THC nach Stunden noch wirksam sein kann). Seine Wirkungen sind im allgemeinen kürzer (Ausnahme: Antinoception) und schwächer. Bei intravenöser Applikation wirkte THC 4,4- (Antinociception) bis 19mal (Hypothermie) so stark wie Anandamid.


Analyse von Kakaopulver- und Schokoladenproben

Die Analyse von Kakaopulver- und Schokoladenproben verschiedener Hersteller führte zur Isolierung von Anandamid und den Ethanolamiden zweier anderer ungesättigten Fettsäuren (Oleoyl- und Linoleoylethanolamin). In einem Gramm Schokolade wurden zwischen 0,5 und 90 Mikrogramm Gesamt-Acylethanolamine (also Oleoyl-, Linoleoyl- und Arachidonylethanolamid (= Anandamid) in absteigender Konzentration) gefunden. Die Wirkung der beiden ersteren Substanzen ist noch unklar, allerdings hemmen sie den Abbau von Anandamid (bei Konz. von ca. 5 Mikromol um 50%) und tragen so - verminderter Abbau führt zur Anreicherung - indirekt zu seiner Wirkung bei. Im unteren Rechenbeispiel wurden sie zur Vereinfachung als Anandamid gezählt, obwohl ihre tatsächliche Wirkungspotenz um vieles geringer ist. Außerdem pflegen Menschen Schokolade gewöhnlich auf oralem Wege zu sich zu nehmen, während den Mäusen die Substanz Anandamid injiziert wurde. Während der Passage des Verdauungstraktes wird nur ein Teil des Stoffes in den Körper aufgenommen, so daß auch hier eine grobe Ungenauigkeit vorliegt.

Bei Labormäusen lösten Anandamid-Gaben zwischen 2 und 20 Mikrogramm pro kg Körpergewicht eine erniedrigte körperliche Aktivität sowie Hemmung der Angst aus.

Rein rechnerisch müßte daher ein 30 kg schweres Kind im ungünstigsten Fall 7 Tafeln (0,22 mal 100 g Schokolade pro kg Körpergewicht), im günstigsten 12.000 (400 mal 100g/kg KG) Tafeln Schokolade - auf einmal - zu sich nehmen, um die erwähnte Wirkung zu verspüren. Mit einem derart vollen Magen kann eine erniedrigte Aktivität aber auch andere Gründe haben.

Die Wissenschaftler stellen aber in ihrer Veröffentlichung gleich selbst in Frage, ob es bei den gefundene Anandamid-Konzentrationen in Schokolade zu Auswirkungen am lebenden Organismus (oder gar beim Menschen) kommen kann.

Andere, mengenmäßig mehr ins Gewicht fallende psychoaktive Komponenten von Schokolade sind die Purine Koffein (Trimethylxanthin) bez. Theobromin (Dimethylxanthin). Theobromin wirkt gefäßerweiternd und anregend auf den Herzmuskel, aber insgesamt schwächer, v. a. auf das Zentralnervensystem. Da diese Substanzen im Kakaopulver zu finden sind, enthält Milchschokolade mit ca. 0,3 mg/100g weniger Theobromin als Bitterschokolade mit 0,6 mg/100g. Der Purinegehalt insgesamt liegt bei 0,4-0,8% in dunkler und 0,2-04% in heller Schokolade, er besteht zu 85% aus Theobromin und zu 15% aus Koffein.


Schokolade Inhaltsstoffe

Außerdem enthält Schokolade, wie zahlreiche andere Lebensmittel auch, Spuren der sog. biogenen Amine. Sie steigern den Blutdruck und beeinflussen die Gehirnfunktionen sowie das psychische Befinden. Einer dieser Stoffe (2-Phenylethylamin) soll gemütsaufhellend wirken. Als Stammsubstanz der Catecholamine und vieler Halluzinogene wird es wird mit dem Entstehen von Lust- und Glücksempfinden in Verbindung gebracht. Da jedoch die mit üblichen Schokoladenportionen aufgenommenen Aminmengen vergleichsweise gering sind, ist es höchst zweifelhaft, ob diese Wirkung durch Schokoladengenuß ausgelöst werden kann.

Ein "Sucht" wird wahrscheinlich eher vom angenehmen Geschmack, dem Aroma und der Textur (zarter Schmelz) von Schokolade ausgelöst. Leider sind die Folgen eines dauernden Zuviels rasch spürbar: Der Energiegehalt von Schokolade liegt bei rund 550 kcal/100 g.

Eine kleine Anmerkung: Der Kakao der Schokolade enthält Oxalsäure, die mit Calcium schwerlösliche Komplexe bilden und so zu einer verminderten Calciumverfügbarkeit führen kann. Auch Calciumoxalatnierenstein-Gefährdete sollten Schokolade mit Vorsicht genießen. Bei Milchschokolade rechnet man mit 11 mg/100 g, bei Zartbitterschokolade mit 90 mg/100 g.